Hütten- und Walzwerke

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Die hohen Überkapazitäten in der Stahlindustrie haben sich im Zuge der Pandemie weiter verschärft.

Leichter Rückgang der Rohstahlproduktion und der Kapazitätsauslastung

Im Bereich der Hütten- und Walzwerkstechnik haben die Mitglieder der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau 2020 Auftragseingänge in Höhe von 1,1 Mrd. € verzeichnet. Das sind 55 % weniger als im Vorjahr (2019: 2,5 Mrd. €). Zuletzt lagen die Bestellungen im Jahr 1988, also vor über 30 Jahren, unter diesem Niveau.

Die weltweite Rohstahlproduktion fiel im Zuge der Corona-Pandemie 2020 um 0,9 % auf 1,86 Mrd. Tonnen (2019: 1,88 Mrd. Tonnen). Verantwortlich hierfür waren neben einem generellen Nachfrageeinbruch auch der Produktionsstopp während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020. Regional lassen sich deutliche Unterschiede feststellen. Zu erheblichen Einbrüchen kam es in Indien (-11,1 %), Europa (-12,7 %) und Nordamerika (-13,7 %), wohingegen sich der größte Einzelmarkt China schnell vom Einbruch im ersten Quartal 2020 erholte und das Jahr mit Produktionsplus von rund 5 % abschloss.

Eines der grundlegenden Probleme der Stahlindustrie, die hohen Überkapazitäten, hat sich im Zuge der Pandemie weiter verschärft. Die installierte Rohstahlkapazität stagnierte auf dem Niveau von 2019 bei rund 2,5 Mrd. Tonnen. Aufgrund des Produktionsrückgangs hat sich die Auslastung der installierten Anlagen von 75 % im Vorjahr auf 72 % (2020) weiter verschlechtert. Weitere Herausforderungen im Markt sind die geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten sowie die steigenden Rohstoffpreise. Die von der Politik geforderte Reduzierung von CO2-Emmissionen im Herstellungsprozess ist eines der zentralen Forschungs- und Zukunftsthemen der Stahlindustrie.

Die Stahlindustrie in China hat angesichts der Corona-Pandemie eine starke Widerstandsfähigkeit an den Tag gelegt. Die Produktion der chinesischen Hüttenwerke stieg 2020 um 5 % im Vergleich zum Vorjahr auf 1,05 Mrd. Tonnen an. Verantwortlich hierfür war in erster Linie die Nachfrage nach Stahl im Bausektor. Bei unveränderten Herstellungskapazitäten von 1,268 Mrd. Tonnen erhöhte sich die Auslastung der chinesischen Hüttenwerke auf eine Quote von 82,5 % (2019: 78,9 %).

Fallende chinesische Stahlexporte bei gleichzeitig steigenden Importen verdeutlichen die unterschiedliche Entwicklung, die die Stahlmärkte innerhalb und außerhalb Chinas während der Pandemie genommen haben. Die Ausfuhrquote in der Volksrepublik sank 2020 auf 5,4 % (2019: 6,4 %). Weitere Einflussfaktoren in diesem Kontext waren der Handelskonflikt mit den USA sowie steigende Rohmaterialkosten.

In Zukunft könnten deutsche und europäische Anlagenbauer von staatlichen Anreizen zur Verlagerung von Produktionsstandorten in Küstenregionen profitieren. Dieser im Rahmen des 14. Fünf-Jahres-Plans formulierte Beschluss könnte vor allem im Bereich der ressourcenschonenden Anlagen und Technologien steigende Aufträge nach sich ziehen. Weiterhin sind die chinesischen Hersteller bemüht, die Qualität ihrer Produkte zu steigern und die Produktionskosten zu senken. Daher ist zu erwarten, dass China auch 2021 einer der wesentlichen Märkte für den Hütten- und Walzwerksbau sein wird.

Die indische Stahlindustrie wurde vom Ausbruch der Coronapandemie schwer getroffen. In Folge eines starken Einbruchs der inländischen Nachfrage, Unterbrechungen von Lieferketten und Liquiditätsproblemen bei indischen Stahlherstellern fiel die Rohstahlproduktion 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 11 % auf 99,6 Mio. Tonnen (2019: 111,3 Mio. Tonnen).

Die optimistischen Wachstumsprognosen der Weltbank und anderer Forschungsinstitute versprechen jedoch eine rasche Markterholung. Gleichzeitig stützen staatliche Investitionen in der Bauindustrie und im Automobilsektor die Konjunktur und schaffen das notwendige Vertrauen für einen Kapazitätsausbau in der Stahlindustrie.

Vor diesem Hintergrund können die im VDMA organisierten Anlagenbauer auf steigende Aufträge aus Indien hoffen. Deren Zustandekommen hängt jedoch maßgeblich von einer Verbesserung der finanziellen und administrativen Rahmenbedingungen (u.a. Genehmigungsverfahren, Eigentumsrechte) ab.

Die Rohstahlproduktion im drittgrößten Einzelmarkt weltweit – Japan – ist 2020 um 16,2 % zurückgegangen, womit sich der Abwärtstrend der vergangenen Jahre fortsetzte. Aufgrund eines kontinuierlichen Bevölkerungsrückgangs sowie einer schleichenden Deindustrialisierung ist davon auszugehen, dass es in Japan auch zukünftig nur wenige Aufträge für Neuanlagen geben wird. Hingegen eröffnen sich bei der Modernisierung bestehender Anlagen attraktive Marktchancen für den VDMA-Anlagenbau. Diese Aussage gilt auch für andere Länder in Ostasien wie etwa Südkorea und Taiwan.

In Südostasien sind die Perspektiven in einigen kleineren, jedoch wachsenden Märkte wie etwa Indonesien (2020: +11,5 %) und Vietnam (2020: +2,0 %) vielversprechend. Durch das im November 2020 von 15 Staaten im asiatisch-pazifischen Raum abgeschlossene weltweit größte Freihandelsabkommen RCEP haben sich die Rahmenbedingungen für Investitionen und Außenhandel in der Region deutlich verbessert. So hat sich der Handel mit Stahl zwischen den ASEAN-Staaten und China im Zuge dieses Liberalisierungsprozesses belebt und zusätzliche chinesische Investitionen in regionale Stahlwerke angeregt. Es wird erwartet, dass sich dieser Trend mittelfristig fortsetzen wird, wodurch weitere Aufträge für die im VDMA organisierten Anbieter von Hütten- und Walzwerken möglich werden könnten.

In Folge der Corona-Pandemie ist die Rohstahlproduktion in Nordamerika eingebrochen. Nach moderatem Wachstum im Jahr 2019 fiel die Produktion in den USA 2020 um 13,4 % auf 76,1 Mio. Tonnen (2019: 87,9 Mio. Tonnen). In den wesentlich kleineren Märkten Mexiko und Kanada sank das Volumen ebenfalls im zweistelligen Prozentbereich. Ein wichtiger Faktor hierbei war der einschneidende Rückgang der US-amerikanischen Nachfrage nach Stahlprodukten um 17 % auf 83,5 Mio. Tonnen.

Hoffnung auf eine Markbelebung lässt sich derzeit vor allem aus staatlichen Infrastrukturprogramm schöpfen. So wurde das sogenannte FAST-Förderprogramm um ein Jahr verlängert, wodurch 2021 zusätzlich ca. 60 Mrd. US-Dollar für Infrastrukturinvestitionen in den USA zur Verfügung stehen. Darüber hinaus plant die US-Regierung im Rahmen des sogenannten INVEST-Programms weitere 500 Mrd. US-Dollar im bereitzustellen. Zusätzlich sollen protektionistische Maßnahmen zum Schutz der US-Marktes gegenüber Importen aus China die Binnennachfrage stärken.

Aufgrund der nach wie vor hohen Überkapazitäten und des starken Einbruchs der Rohstahlproduktion erholt sich der nordamerikanische Markt für metallurgischen Anlagen nur schrittweise – trotz der umfangreichen Stützungsmaßnahmen. Vor allem im Neuanlagengeschäft, in dem es in Jahren 2018 und 2019 eine Sonderkonjunktur gab, ist 2021 kaum mit Impulsen zu rechnen.

Die Rohstahlproduktion in Europa brach 2020 um 12,7 % auf 189,4 Mio. Tonnen ein, die Kapazitätsauslastung sank auf ein langjähriges Minimum (60 %). Ein wesentlicher Grund für diesen Abschwung war der Rückgang der Stahlnachfrage in der Automobilindustrie und im Bausektor. Darüber hinaus litt der Binnenmarkt unter der globalen Rezession, sich verschärfenden Handelskonflikten und den mit dem Brexit verbundenen Herausforderungen und Unsicherheiten.

Im Zuge der erwarteten gesamtwirtschaftlichen Erholung rechnet die Stahlindustrie 2021 mit wieder steigenden Produktionszahlen. Dabei steht die Branche vor historischen Herausforderungen: Vor dem Hintergrund der sehr ambitionierten Klimaschutzziele der EU ist die Stahlindustrie aufgefordert, bis 2050 klimaneutral zu werden. Um diese Vorgabe zu erreichen, setzen die Unternehmen auf die Entwicklung innovativer Technologien, mit denen sich Treibhausgasemissionen weitestgehend eliminieren lassen. Die wasserstoffbasierten Direktreduktionsverfahren sind dabei die am weitesten entwickelten und für das Klima sinnvollsten Methoden. Herausfordernd ist jedoch die Bereitstellung der erforderlichen Mengen an grünem Strom, denn wasserstoffbasierte Reduktionsverfahren benötigen große Mengen an elektrischer Energie für die Elektrolyse. So belaufe sich der Gesamtenergiebedarf für eine klimaneutrale Umstellung der Hochofenroute auf circa 120 Terrawattstunden (TWh) pro Jahr 

Die Rohstahlproduktion der GUS-Staaten ging 2020 um 2,2 % auf 78 Mio. Tonnen (2019: 79,7 Mio. Tonnen) zurück. Auslösender Faktor war der Corona-bedingte Rückgang der russischen Stahlnachfrage und hier insbesondere die Schwäche im Automobilsektor. Trotz der Verlängerung der Wirtschaftssanktionen durch die EU gelang es Russland 2020, die Stahlexporte um fast 7 % zu steigern und damit die schwächelnde Binnennachfrage teilweise zu kompensieren. Aufgrund der günstigen Kostensituation für die Stahlherstellung in Russland aufgrund niedriger Rohstoff- und Energiepreise ist davon auszugehen, dass die Exporte weiter zunehmen werden. Die VDMA-Anlagenbauer können 2021 daher auf die Vergabe von Modernisierungs- und Serviceaufträgen zur Steigerung der Produktivität der russischen Stahlwerke hoffen.

Während die Rohstahlproduktion in Afrika 2020 rückläufig war (-9,7 %), stieg der Ausstoß im Mittleren Osten um 1,3 % auf 46 Mio. Tonnen. Ausgelöst wurde dieses Wachstum insbesondere durch den Iran, der im vergangenen Jahr einen Produktionszuwachs von 9,4 % verzeichnen konnte. Diese positive Entwicklung könnte zukünftig zu einem Anstieg der Aufträge für den Hütten- und Walzwerksbau im Mittleren Osten führen. Allerdings beeinträchtigen die vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen in der Region sowie die durch die USA forcierte Sanktionspolitik gegenüber dem Iran einen nachhaltigen Wachstumsprozess. Wie sich die neue US-Administration im Mittleren Osten außenpolitisch positionieren wird und welche Auswirkungen das auf den Anlagenbau haben wird, bleibt abzuwarten.

Die Kunden der VDMA-Hütten- und Walzwerksausrüster stehen infolge eines drastischen Nachfrageeinbruchs, sinkender Stahlpreise und steigenden Rohmaterialkosten unter einem hohen Preis- und Konsolidierungsdruck. Diese Entwicklung spürt auch der Anlagenbau. In einem wettbewerbsintensiven Umfeld gewinnen asiatische Anbieter mit Niedrigpreis-Angeboten auch auf westlichen Märkten kontinuierlich Marktanteile hinzu.

Die im VDMA organisierten Hütten- und Walzwerkausrüster können nur dann mit auskömmlichen Margen kalkulieren, wenn es ihnen gelingt, auf Basis innovativer Produkte und Dienstleistungen Alleinstellungsmerkmale zu generieren. Dafür muss der Anlagenbau Lösungen für flexible, kostenoptimierte und nachhaltige Produktionsprozesse entwickeln. Die Megathemen Digitalisierung und Klimawandel bieten hierfür Ansatzpunkte. So gibt es derzeit zahlreiche Forschungsprojekte und Kooperationen zwischen Anlagenbauern, Anlagenbetreibern und Hochschulen, die sich mit dem Einsatz von Wasserstoff als Direktreduktionsmittel in der Stahlindustrie beschäftigen und das Ziel einer klimaneutralen Stahlproduktion verfolgen. Ferner haben die Themen „Digitales Stahlwerk“ und „Digitale Baustelle“ im vergangenen Jahr einen Schub erhalten und werden von einer bloßen Vision immer mehr zur gelebten Realität.

 

Europäische Netzwerke als Schlüssel zum Erfolg

Die im VDMA organisierten Hütten- und Walzwerksausrüster profitieren von starken europäischen Netzwerken aus technischen Hochschulen, etablierten Mittelständlern und jungen Start-ups. In einem engen Austausch mit potenziellen Kunden werden in diesem Ökosystem maßgeschneiderte Technologien, Produkte und Services entwickelt und zur Marktreife gebracht. Die Branche verschafft sich damit einen technologischen Vorsprung gegenüber dem vor allem auf Preisführerschaft setzenden asiatischen Wettbewerb.