Hütten und Walzwerke

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In einem herausfordernden Marktumfeld müssen sich die im VDMA organisierten Hütten- und Walzwerksbauer vor allem mit Hilfe ihrer Innovationstärke behaupten

Im Segment der Hütten- und Walzwerkstechnik haben die Mitglieder der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) 2019 Auftragseingänge in Höhe von 2,5 Mrd. € (2018: 2,2 Mrd. €) verbucht. Aufgrund der schwächer werdenden Konjunktur sind die Erwartungen für 2020 jedoch gedämpft. Während die Nachfrage nach Modernisierungs- und Serviceaufträgen weiter zunehmen könnte, gehen Branchenbeobachter von rückläufigen Aufträgen für Neuanlagen aus.

 

 

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Die weltweite Rohstahlproduktion ist 2019 um 3,4 % gewachsen und liegt mit 1,87 Mrd. Tonnen leicht über dem Niveau von 2018 (1,82 Mrd. Tonnen). Treiber des Wachstums waren vor allem Asien und der Mittlere Osten. China konnte als weltweit größter Rohstahlproduzent seine Produktion um 8,3 % erhöhen und somit den Anteil an der Weltproduktion weiter ausbauen. Indien weist als zweitgrößter Hersteller ebenfalls Wachstum auf (1,8 %). Einen Rückgang der Produktion verzeichnen hingegen die EU (-3 %), die GUS (-1 %) und Nordamerika (-0,5 %).

Die Stahlindustrie leidet weiterhin unter Überkapazitäten. So lag die Auslastung der sich im Markt befindlichen Anlagen 2019 im Jahresdurchschnitt bei ca. 75 %, wobei erhebliche regionale Unterschiede festzustellen sind. Weitere Herausforderungen für den Industriezweig sind die vielfältigen geopolitischen Unsicherheiten, der zunehmende Protektionismus, die Abschwächung der Konjunktur sowie die politischen Vorgaben zur Reduzierung von CO2-Emissionen in Europa.

Die Produktion der chinesischen Hüttenwerke lag 2019 mit 996 Mio. Tonnen um 76 Mio. Tonnen über dem Niveau des Vorjahres. Beeinträchtigt durch den Handelskonflikt mit den USA und die höheren Rohmaterialkosten sank der Exportanteil auf 6,6 % (2018: 7,4 %). Infolge der Verschärfung von Emissionsgrenzwerten und Schritten zur Konsolidierung des Marktes wurden bereits über 150 Mio. Tonnen Produktionskapazität im Vergleich zu 2015 stillgelegt. Da sich auch die Nachfrage aus dem Bausektor günstig entwickelte, stieg die Auslastung der chinesischen Stahlwerke von 73 % (2018) auf 78 % (2019).

Neben der Bereinigung von Kapazitäten hat der chinesische Staat auch Anreize zur Modernisierung bestehender Werke und zur Verlegung von Standorten in Küstenregionen gesetzt. Die VDMA-Anlagenbauer könnten durch Aufträge für besonders ressourcenschonende Anlagen von diesen Maßnahmen profitieren. Weiterhin sind die chinesischen Hersteller bemüht, Fortschritte bei der Produktqualität sowie bei der Kosteneffizienz zu erreichen. Es ist daher davon auszugehen, dass China auch 2020 einer der wesentlichen Märkte für den Hütten- und Walzwerksbau sein wird.

Durch den von der Regierung forcierten Kapazitätsausbau ist Indien zum weltweit zweitgrößten Rohstahlproduzenten vor Japan und den USA aufgestiegen. 2019 hat sich die Produktion um ca. 1,8 % gegenüber 2018 auf ein Volumen von 111 Mio. Tonnen erhöht. Begünstigt durch das erwartete Wirtschaftswachstum und staatliche Infrastrukturprogramme ist auch in den kommenden Jahren mit einer dynamischen Entwicklung des indischen Marktes zu rechnen.

Die im VDMA organisierten Hütten- und Walzwerksbauer können daher weiterhin auf Aufträge aus Indien hoffen. Allerdings erweist sich die Bereitstellung der notwendigen Finanzierungen sowie die Schaffung der administrativen Voraussetzungen in Bezug auf Genehmigungsverfahren und den Grundstückserwerb häufig als schwierig.

Die Rohstahlproduktion in Europa fiel 2019 um rund 3% auf 225 Mio. Tonnen, wobei die Kapazitäten zu 72% ausgelastet waren. Marktbeobachter erwarten, dass die Produktion langfristig weiter sinken wird. Die Exportnachfrage ist generell schwach, gleichzeitig nehmen die Importe aus Drittmärkten zu.

Eine hohe private und öffentliche Verschuldung, eskalierende Handelskonflikte und die aus dem Brexit erwachsenden Unsicherheiten für das zukünftige Verhältnis von EU und Großbritannien stellen weitere Belastungen für den europäischen Stahlmarkt dar. Angesichts der ambitionierten EU-Klimaziele, erheblicher Überkapazitäten und hoher Kosten für wichtige Produktionsfaktoren wie Energie und Arbeit ist innerhalb der EU nicht mit der Vergabe großer Neubauprojekte im laufenden Jahr zu rechnen. 

Chancen für den Anlagenbau ergeben sich vielmehr durch Investitionen, die es den Betreibern ermöglichen, CO2 -Emissionen dauerhaft zu senken. Die Entwicklung neuer, emissionsarmer Technologien, die neben der Verwendung von alternativen Einsatzstoffen auch die direkte Vermeidung von Kohlenstoff zum Ziel haben, sind im aktuellen Marktumfeld mehr denn je gefragt. So hat etwa im vergangenen Jahr ein internationaler Stahlkonzern ein Projekt in Deutschland gestartet, um Wasserstoff großtechnisch bei der Direktreduktion von Eisenerz einzusetzen. Eine Pilotanlage soll in den kommenden Jahren errichtet werden.

In einem herausfordernden Marktumfeld müssen sich die im VDMA organisierten Hütten- und Walzwerksbauer vor allem mit Hilfe ihrer Innovationstärke behaupten. Die Unternehmen sind gefordert, Lösungen für eine flexible und kosteneffiziente Produktion zu entwickeln und überzeugende Konzepte für ein integriertes Qualitätsmanagement vorzulegen.

Um ihren Kunden auch innovative digitale Lösungen anbieten zu können, investiert die Branche in Kompetenzfelder wie das maschinelle Lernen, die Datenanalyse und das Cloud-Computing und kombiniert diese Fähigkeiten mit bereits bestehendem Prozesswissen. Immer mehr Kunden des Hütten- und Walzwerksbaus setzen auf Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit, denn nur nachhaltig handelnde Unternehmen werden auf Dauer wettbewerbsfähig sein. Die Nachfrage nach Produkten und Leistungen, die zum Umwelt- und Klimaschutz sowie zur Senkung des Energieverbrauchs beitragen, nimmt daher in der Stahlindustrie weiter zu. 

In einem sich wandelnden Marktumfeld sind die Nähe zum Kunden und eine konsequente Ausrichtung auf den Kundennutzen unerlässlich. Die im VDMA organisierten Anbieter von metallurgischen Anlagen profitieren hierbei von ihren Fähigkeiten, maßgeschneiderte Konzepte in enger Abstimmung mit ihren Kunden entwickeln und umzusetzen zu können. Insofern sind die Aussichten für den Hütten- und Walzwerksbau – allen Unwägbarkeiten im aktuellen Marktumfeld zum Trotz – als positiv zu bewerten.

Die Rohstahlproduktion in Japan ist 2019 um 3,8 % zurückgegangen, während sie in Südkorea um 1,9 % anstieg. Vor allem in Japan wird langfristig mit einem weiteren Rückgang der Stahlnachfrage und mit entsprechenden Kapazitätsanpassungen gerechnet. Dennoch bietet der japanische Markt auch Chancen, etwa bei der Modernisierung von bestehenden Anlagen, die produktiver und emissionsärmer werden sollen. Höhere Auftragseingänge erhoffen sich die im VDMA organisierten Hütten- und Walzwerksbauer ferner aus den noch kleinen, jedoch rasant wachsenden Märkten Vietnam, Indonesien und Malaysia. Vor allem chinesische Stahlhersteller versuchen dort, durch Investitionen in neue Werke Handelsschranken zu umgehen.

Nach einem Wachstum um 6,1 % (2018) stieg die Stahlproduktion in den USA im vergangenen Jahr nur noch leicht um 1,5 % auf 88 Mio. Tonnen. Die Produktion in den wesentlich kleineren Märkten Mexiko und Kanada war sogar rückläufig. Marktbeobachter gehen davon aus, dass es perspektivisch auch in der US-Stahlindustrie zu einem Abschwung kommen könnte. Die aktuelle Kapazitätsauslastung liegt dort bei nur 69 %. Gründe für diese niedrige Quote sind zu einem die in den beiden vergangenen Jahren erfolgten umfangreichen Investitionen in neue Werke, zum anderen die schwache Nachfrage aus der Automobilindustrie, die gut 30 Mio. Tonnen Stahl pro Jahr verarbeitet. Eine neue Runde im Handelsstreit mit China könnte jedoch rasch zu einem erneuten Anstieg der Nachfrage auf dem US-Stahlmarkt führen. Die Unsicherheiten diesbezüglich sind jedoch hoch und Prognosen somit schwierig.

Aufgrund dieser Umstände erwarten Experten, dass die Investitionen in neue Flachwalzwerke und Bandanlagen, die zur Produktion für qualitativ hochwertige Zulieferteile für die Automobilindustrie genutzt werden, tendenziell zurückgehen werden. Die Aussichten für den nordamerikanischen Markt sind daher, vor allem mit Blick auf das Neuanlagengeschäft, eher gedämpft. Allerdings ist die Basis mit Rekordbestellungen für Hütten- und Walzwerke von 1,0 Mrd. €, die die Mitglieder der AGAB im Jahr 2019 in den USA, Kanada und Mexiko erzielten, auch ausgesprochen solide.

Die Rohstahlproduktion in den Staaten der GUS erreichte 2019 ein Volumen von knapp 80 Mio. Tonnen. Experten erwarten, dass die vor kurzem gestarteten staatlichen Programme zur Förderung des Bausektors – dieser nimmt in Russland allein 70 % der Stahlproduktion ab – die Nachfrage temporär erhöhen könnte. Hingegen wird der Bedarf an Stahl im Automobilsektor voraussichtlich weiter abnehmen.

Da sich Stahl in Russland aufgrund niedriger Energiepreise und einer hohen Rohstoffverfügbarkeit zu sehr wettbewerbsfähigen Konditionen herstellen lässt, werden die Exporte des Landes 2020 voraussichtlich weiter zunehmen. In diesem Zusammenhang ist damit zu rechnen, dass die Stahlindustrie ihren Fokus auf die Fertigung qualitativ hochwertiger Produkte legen wird. Die Anlageninvestitionen der russischen Stahlkonzerne werden sich daher voraussichtlich auf kleinere Projekte zur Qualitäts- und Effizienzsteigerung sowie auf Services konzentrieren, wohingegen Aufträge für Neuanlagen wohl nur in Ausnahmefällen vergeben werden.