Wirtschaft in Russland wächst auf kleiner Flamme

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Mit einer Senkung des Leitzinses will die russische Regierung einen Wachstumsimpuls geben. Dennoch schrumpft die Investitionsbereitschaft der russischen Privatwirtschaft.

Das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung schätzt das Wachstum des BIP im ersten Halbjahr 2019 auf 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Nach nur 0,5 Prozent im ersten Quartal, zog im zweiten Quartal, laut russischem Statistikamt, das Wachstum zwar um 0,8 Prozent an, aber die Aussichten sind nicht rosig.

Leitzins gesenkt
Angesichts der schwächelnden Konjunktur, bei gleichzeitig rückläufiger Inflationsrate hat die russische Zentralbank in diesem Jahr schon mehr fach den Leitzins gesenkt: Ende Juli von 7,5 Prozent auf 7,25 und Anfang September weiter auf 7 Prozent..

Nach Prognosen der Zentralbank wird die jährliche Inflation zu Beginn des nächsten Jahres auf 4 Prozent zurückgehen. Eine weitere Senkung des Leitzinses auf 7 Prozent ist durchaus realistisch. Das soll die Kreditvergabe ankurbeln und Unternehmen zu mehr Investitionen anregen.

Russische Unternehmen investieren zu wenig
Diese aber bleiben zurückhaltend. Nach einer Studie des allrussischen Meinungsforschungszentrum WCIOM und des Zentrums für strategische Planungen „Plattform“ stufen 71 Prozent der Unternehmer die Investitionsbedingungen in Russland als schlecht ein.

Unternehmer seien gezwungen sich auf Risiken und nicht auf Chancen zu konzentrieren. Dies führe zu einer Einengung des Planungshorizonts und einer langfristigen Verweigerung zu investieren. Wenn es Alternativen gibt, würden konservativere Methoden gewählt. Nur diejenigen, die keine andere Möglichkeit der Geldanlage hätten, investierten ins Geschäft.

Die Studie basiert auf einer telefonischen Umfrage von WCIOM unter 500 privaten Unternehmern und einer Reihe von Interviews mit Wirtschaftsvertretern und Experten.

Ursache schwache Institutionen
In den Augen der Unternehmer sei der Staat für die Mehrheit der Risiken verantwortlich, schreiben die Autoren der Studie. Auf der einen Seite würden die Unternehmer im Staat die Kraft sehen, die administrative Barrieren abbauen und das Unternehmertum unterstützen könne. Aber er bleibe in den Augen der Mehrheit eine unberechenbare Kraft. In den verschiedenen Regierungsbehörden sehen die Befragten unkontrollierbare und nach ihrer eigenen Logik funktionierende Einheiten, die untereinander nicht koordiniert sind.

Wirtschaftlich und institutionelle Risken
Bei der Beurteilung des Geschäftsklimas nennen 72 Prozent der Teilnehmer die Verringerung der Kaufkraft der Bevölkerung und 70 Prozent die Höhe der Steuerlast als Hauptprobleme. Neben diesen wirtschaftlichen werden auch institutionelle Faktoren wie die Unzuverlässigkeit des Justizsystems (52 Prozent) und die Korruption in der Verwaltung (48 Prozent) als hohes Risiko eingestuft.

Fall Calvey belastet das Investitionsklima
Einen großen Einfluss auf die Stimmung habe der Fall von Michael Calvey, dem Gründer des Anlagefonds Baring Vostok, der im Februar verhaftet wurde und sich seit April im Hausarrest befindet. Aber auch die vielen anderen Fälle von inhaftierten Unternehmern, die zwar nicht so viel Medieninteresse hervorrufen, aber in Geschäftskreisen bekannt sind.

Größte Aufgabe des Staates müsse es sein, mit einer substanziellen Verbesserung der Institutionen das Geschäftsklima entscheidend zu verbessern. Anderenfalls drohe ein weiterer Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit des Landes, warnen die Autoren der Studie.

(Quelle: Vedomosti, Kommersant)